Archäologie

Die vielen Funde der letzten Jahre dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir recht wenig über die textilen Bedürfnisse und Gewohnheiten unserer Vorfahren wissen.

Der Grund liegt einerseits darin, dass die Archäologen textile Überreste erst seit wenigen Jahrzehnten (mit wenigen Ausnahmen) überhaupt bergen können. Andererseits sind die Erhaltungsbedingungen in unseren Böden normalerweise so, dass selbst wesentlich stabilere Pflanzenfasern nur fragmentarisch erhalten bleiben. Die tierischen Haare, wie z.B. Schafwolle, zerfallen aber in unseren basischen, nicht sauren Böden rasch. Einzig in Zusammenhang mit späteren Eisenfunden gibt es Spuren, bei denen die Wollverwendung durch Oxydationsprozesse nachzuweisen sind. Was unsere Vorfahren gesponnen, gewebt und allenfalls gefilzt haben, können wir daher nur aus den wenigen textlichen Überlieferungen und anhand vereinzelter europäischer Einzelfunde erahnen.


Im Neolithikum benutzten unsere Ahnen mehrheitlich Leder, Felle und pflanzliche Fasern (Baumbast, Nesseln und Leinen). Bereits aber die sechstausend Jahre alten Funde (4000 v.Chr.) der Seeufersiedlung hier bei Zürich, belegen eine vergleichbare Qualität von Leinengewebe und handgesponnene Fäden von weniger als einem Millimeter dicke, die mit unseren modernen, handgefertigten durchaus schritthalten kann.


Alle steinzeitlichen Gewebe sind alle auf dem Gewichtswebstuhl, einem vertikalen Webgestell mit Tongewichten zum spannen der Kettfäden, hergestellt. Dieser Webstuhl wurde bis ins Spätmittelalter verwendet. Er wird mit der Erfindung des Trittwebstuhls nur schrittweise verdrängt, da er, gerade im Heimgebrauch, viel weniger Aufwand und Platz benötigt.


Feine Gewebefragmente aus der sog. Schnurkeramik-Schicht (3000 v.Chr.) aus dem Zürcher Seefeldquartier belegen ein grosses handwerkliches Geschick.

Anhand von neueren archäologischen Auswertungen lässt sich eine Fundzunahme von Schafknochen ab 2700 v.Chr. nachweisen. Dies wird durch die (vermehrte?) Nutzung der Schafwolle erklärt. Von dieser Zeit an nimmt man eine langsame Zurückdrängung der Pflanzenfasern (Leinen, Nesseln) zugunsten der Schafwolle an.


In der Eisenzeit tauchen Funde mit verschiedenen Köperbindungen auf; diese Bindungsart ist aber seit der ausgehenden Bronzezeit nachgewiesen. Reich bestickte und aufwendig gestaltete Borden, mit zusätzlicher Brettchenweberei hergestellt, verschönerten einzelne Gewänder.


Die römische Zeit bringt keine wesentliche technische Verbesserungen. Wohl aber wird neben der «Heimproduktion» eine in Arbeitsschritte gegliederte vorindustrielle «Handelsproduktion» erarbeitet. Zudem kommen neue Materialien wie die Baumwolle und die Seide hinzu. Inwieweit diese Produkte bereits als Roh- oder Halbware oder gar als fertige Stoffballen hieher gelangten, bleibt in vielen Fällen offen.


Als Rohware lassen sich seit römischer Zeit folgende Pflanzen- und Tierarten als Lieferanten nachweisen: Leinen, Baumwolle, Seide, Hanf, Nesseln und Schafwolle, Ziegen-, Kamel-, Kaninchen- und Dachshaare.

Ab dieser Zeit bleibt das Angebot bis zur Erfindung der Kunstfaser im 20. Jahrhundert mit erheblichen Schwankungen in Produktion und Anwendung etwa gleich.


Im Spätmittelalter verändert sich die Weberei mit dem Trittwebstuhl grundlegend. Die Kette, und somit die Gewebebahn kann nun wesentlich länger hergestellt werden. Die Fachbildung mittels Pedalen beschleunigt den Webvorgang. In den sich entwickelnden Städten wird, wie neuere Grabungsfunde aus dem 13./14. Jahrhundert der Winterthurer Altstadt bezeugen, eine gewerbliche Produktion betrieben. Produziert werden grobes und feines Leinengewebe, Hanf und Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle, dem Barchent. Die Textilen waren, wie schriftliche Dokumente aus dem 13. Jahrhundert belegen, begehrte Handelsartikel über die Hafenstädte Venedig und Genua.