Das Tobel für Quereinsteiger

Urs Frauchiger

Soll ich zugeben, das icht nichts von einem Küsnachter Tobel wusste, als ich 1991 hierher zog?

Manch alteingessenen Küsnachtern sind ob diesem Eingeständnis schon die Haare zu Berge gestanden. Das ist, wie wenn sich einer in Zermatt niederliesse und seine Nachbarn fragte, was das denn für ein merkwürdiger Zacken sei da oben und ob sich seine Besteigung lohne. Gleichwohl, es muss vorausgeschickt sein, dass ich das Tobel für mich allein entdeckte und weiter entdecke wie ein aus fremden Landen hergekommener Erforscher — Erforscher, nicht Eroberer, denn diesen hat sich das Tobel seit jeher verschlossen. Ich glaube, daraus bezieht es seine der Zeit und der nahen Grossstadt entzogene Wildheit: Dass es sich den Gästen öffnet, sich zuweilen auch missbrauchen und malträtieren lässt, aber nie sich unterwirft.

Das Quereinsteigen hat ja auch seine Vorteile. Man nimmt alles unbefangen auf wie am ersten Tag, unbelastet von Geschichte und Geschichten, nicht ahnend, welche Unglücksfälle und Katastrophen sich abgespielt haben, unbeängstigt von Sorgen um die Zukunft, um die Unversehrtheit . So gehen Kinder in den Zauber und die Schrecken der Welt hinein. Wer sich nicht ein Restchen dieses kindlichen Erfahrens bewahrt hat, wird im Tobel immer ein wenig fremd sein.

Am liebsten steige ich auch quer in das Tobel ein. Der «offizielle» Einstieg zwischen der glücklich renovierten oberen Mühle, die mit Ortsmuseum und Musikschule optimal genutzt ist, und dem Werkgebäude in seiner imposanten Aura der Gründerzeit hat zwar durchaus seinen Reiz, aber nachher fransen die Ränder etwas aus, in einem kurzen Niemandsland, wo die Stadt noch nicht aufgehört und die Natur noch nicht begonnen hat. Quer von der Allmendstrasse her hingegen überschreitet man ein klare Grenze und tritt unmittelbar in die andere Welt des Tobels ein. Das heisst, es gibt einen Übergang, einen sehr malerischen und sinnvollen sogar: Den kleinen halbrunden Ausguck, das Schauinsland, das aus mässiger Höhe das Abschiednehmem von der Lieblichkeit des «hellsten Sees der Schweiz» gestattet, wie C.F. Meyer ihn nannte, dahinter die sehnsüchtigen Horizonte der Albislinie, und davor ein grünes, friedliches Küsnacht, in einem Ausschnitt, der alles weniger Grüne und Friedliche gnädig verbirgt.


Und schon sind wir im Mischwald. Der Weg federt weich unter den Füssen und senkt sich im leichten Knirschen des feinen Kieses gemächlich zum Findlingsgarten und Spielplatz. Eine mozartische Entrada.

Da erlaube ich mir mit meinen auswärtigen Freunden und Bekannten, die ich ins Tobel führe, gern einen kleinen Scherz. Ich benenne die Gesteinsarten, den tuffitischen Sandstein, Nagelfluh, Kalk und Mergel, den Schiefer nicht zu vergessen, und insbesondere die charakteristische Brekzie, den kostbaren Granitporphyr, vom Ankerit nicht zu reden, denn ich habe sie alle beim Spaziergang vom Vorabend repetiert. Dann mache ich auf die geheimnisvolle Anordnung der Findlinge aufmerksam, wir hätten es mit grösster Wahrscheinlichkeit mit einer Anlage der ausgehenden Steinzeit zu tun, wesentllch älter als Stonehenge, aber nicht wie dieses zu kultischen Zwecken bestimmt , sondern, wie neuere Forschungen ergeben hätten, zu sportlichen. Es handle sich sozusagen um eine Art neolithische Olympiade. Hierher seien aus den Tobeln die höhlenbewohnenden Jäger und Hackbauern zusammengeströmt, um sich im steineren Ring zu messen; es gehe mithin um nichts Geringeres als um die frühste bekannte Form schweizerischen Schwingens.


Meine Gäste lauschen offenen Mundes und wundern sich, dass ein so markantes Zeugnis der kulturellen Frühgeschichte bisher ihrer Kenntnis entgangen war. Ich muss die Sache auf die Spitze treiben und auf die Zahlentäfelchen auf den Steinen hinweisen. Die Römer, die das Tobel nachweislich auch besiedelten, hätten sie angebracht, weil sie beabsichtigten, das wertvolle Gestein als Kunstraub für den grossen Caesaren nach Rom zu führen, was glücklicherweise an technischen, namentlich an hydraulischen Problemen gescheitert sei. Hier merken dann die Gewitzteren, dass etwas an meinen profunden Ausführungen nicht ganz stimmen kann, denn die Zahlen auf den Täfelchen sind ja arabisch und nicht römisch . . .

Weiter geht's in mühelosem Anstieg wie auf gemächlichen Freitreppen in fürstlichen Pärken. Bei den Wasserfällen biegt und weitet sich der Weg, die Sonne erhellt das Grün, der Bach rieselt sordiniert über die niedrigen Schwellen, ein milder akustischer Schleier, durchwebt von Gezwitscher und Warnruf, Kinderlachen, Müttergrollen und Hundegebell, viel Hundegebell, denn es scheint, dass heute wieder sämtliche Hunde der Region hier Auslauf haben, zierliche, etwas verloren durch die Natur wedelnde Schosshündchen und gewaltige, unheimlich streifende Rassentiere von den Ausmassen junger Kälber, die man mit Unbehagen an dem gottlob soliden Stoff der Wanderhosen schnüffeln spürt, derweil die Herrchen und Frauchen im gestilten Freizeitlook sich mit blasierter Nonchalance an dem Unbehagenen des biederen Spaziergängers weiden.


Unverdrossen wendelt man sich in den lichtdurchfluteten Windungen des Weges aufwärts, sanft getragen von Licht und Ton des Wassers. Hier ist nicht das ostinate dunkle Tosen der berühmten Schluchten, einer Via mala oder einer Tamina, es ist eher ein silberheller Cantus firmus, der alle Anfechtungen von Mensch und Hund hinfällig und bedeutungslos macht. Die Heiterkeit lässt sogar den Alexanderstein leicht erscheinen, einen gewaltigen Mocken aus Taveyannaz -Sandstein, was immer das ist, den eigensinnige Gletscher vom Glarnerland her auf unsern Weg gewälzt haben, und ich lüfte die Wandermütze zu Ehren des jung verunglückten Geologen, dessen Andenken er gewidmet ist.

Nun gilt die Aufmerksamkeit den verschlungen Wegen des Wassers, das nach einem undurchschaubaren Gesetz jedesmal andere Läufe wählt, bald eine Schwelle links-, bald rechtslastig quert, bald sich in plötzlicher Entschlossenheit durch die Mitte ergiesst. Der Bach bestätigt in seiner spielerischen Unberechenbarkeit Heraklits Diktum, dass man nie zweimal in den gleichen Fluss steigt. So kann man ein Leben lang durchs Tobel wandern, es wird nie das gleiche, schon bekannte sein.


Wer will, merkt sich anhand des Lehrpfades auch die Namen der Bäume und Sträucher, die sich im Gehen unversehens zu kleinen Zaubersprüchen reihen:

 

Pfaffenhütchen, Spindelstrauch,

Rote Heckenkirsche auch,

Spindelstrauch und Pfaffenhut,

Gebt den Wandrern neuen Mut.

 

Oder, wenn sich in den Steigungen der Rhythmus verlangsamt:

 

Stileiche, Traubeneiche,

Warum seit Ihr beide bleiche?

Graue, weisse, schwarze Erlen,

Wohin warft Ihr Eure Perlen?

Salweide, Aschweide,

Wer tat Euch was zu leide?

Und so gerät man ins Mutmassen, ob's die gemeine Esche war oder der Spitzahorn, der rote Hornstrauch oder vielleicht doch der Hartriegel.

Kurz nach der Abzweigung zum Schübelweiher steige ich am liebsten rechts über die Treppe aus Bahnschwellen die Flanke des gertenbachs hoch, einem der vielen Nebentobel dieses nördlichen Centovalli. «Vaut un détour» heisst es in den Guides Michelin, und der steile Umweg tut Gemüt und Kreislauf gut. Nicht dass man sich oben auf dem Vitaparcours unbedingt zu athletischen Hochleistungen hinreissen lassen muss, im Gegenteil: Wie wir nun am trichterförmigen Rand des Tobels stehen, das Auge auf dem grünen Dach unter dem blauen Himmel weiden lassen, erfasst uns ein körperloses Schweben. Da liegt mitten in der Deutschschweiz ein Arkadien; in den Wäldern unten rauschen verborgene Quellen, und Hyperions fast vergessene Jünglingshaftigkeit gewinnt aus ferner Erinnerung Gestalt. Einen Augenblick lang glänzt von hinten durchs zeitlose Gezweig sogar Goethes Züricher See herauf:

 

Und frische Nahrung, neues Blut

Saug ich aus freier Welt;

Wie ist Natur so hold und gut,

Die mich am Busen hält!

 

Gleich nach dem Hofstetterbach öffnet sich ein Talkessel — genau wie bei Karl May. In so malerische Waldfallen lockten die Indianer die Bleichgesichter und bezwangen sie trotz aller zahlenmässigen Überlegenheit. Hier gab es keine Indianer, dieses Märchen darf ich meinen Gästen nicht auch noch zumuten. Aber Ritter, das gab es, die Regensberger, die sich die Gunst der Landschaft ebenso zunutze zu machen suchten. Lange glaubte man, dass die Burg, auf deren Ruine wir unvermittelt stossen, in der Mitte ausgerechnet des 13. Jahrhunderts erobert und zerstört worden sei. Neue Forschungen — diesmal binde ich keinen Bären auf — scheinen zu zeigen, dass die Wirklichkeit banaler, aber auch anrührender war. Die Burg war ganz einfach nicht fertig gebaut worden. Irgendeinmal hatten die Regensberger die Nase voll und liessen alles liegen. Sollte Ritter spielen wer will.


Die Kinder wollen. Immer hat es hier oben Kinder, und immer spielen sie «Gute und Böse». Immer sind die Bösen in der Überzahl, weil fast alle lieber die Bösen spielen. Es ist ja auch spektakulärer und vor allem sehr viel leichter. Nie werden Aussenstehende — genau wie unten beim Lauf des Wassers — die Spielregeln verstehen und merken, wer angreift und wer was verteidigt. Und warum singen nicht die Guten sondern die Bösen, von denen man doch sagt, dass sie keine Lieder haben?

Nach der Ruine verengt sich der Weg, wird zur Achterbahn, die sich lange unentschlossen bergauf, bergab windet, um plötzlich in ein paar mürrischen Kehren den Talboden zu erreichen. Es ist nicht mehr das Tobel, das wir unten verlassen haben, die Wände sind weniger steil, der Himmel nicht mehr so unerreichbar hoch. Nach der dramatischen Szenerie im unteren Teil ist es schon fast ein wenig ein Hochtal. Erinnerte man sich im untern Teil an die Romantiker, am Rand des Kessels oben an Hölderlin und Goethe, so gewinnt hier die Behaglichkeit Adalbert Stifters Oberhand. Zwar ist da rechts noch der ruppige Aufstieg zur Drachenhöhle zu absolvieren, wo der Sage nach ein frommer Ritter mit Gottes Hilfe einen bösen Lindwurm mit diamantenen Ketten an den Felsen geschmiedet haben soll. Die Geschichte glaub' ich wohl, aber die diamantenen Ketten machen mich stutzig. Freilich, wir sind ja von der Goldküste aufgestiegen, da kommt's auf ein paar Diamanten mehr oder weniger wohl nicht an.


Und bei den Chinesen ist der Drache das Symbol des Himmels. Plötzlich ist lauter Himmel um uns, wir laufen durch das Grün geradeswegs in ihn hinein. Seltsam: Je höher das Tal, desto tiefer klingt der Bach. Jetzt gurgelt er in moderatem Gefälle schon Alt-Arien.

In einer entschiedenen Biegung nach Osten verengt und verdüstert sich das Tobel ein letztes Mal, wie eine Molleindunkelung vor der Schlusskadenz. Der Bach sinkt in die Baritonlage, strömt wie eine gutgeführte Stimme durch die schattigen Resonanzräume und ruht in den schwarzschimmernden Becken hinter den Talsperren. Hier ist Erlenkönigs Reich, doch nicht reitende Väter mit fiebrig halluzinierenden Kindern sind es, die vorbeisprengen und den Wanderer schnaubend vom Weg drängen, sondern bloss Mountainbiker, die von anderen Dämonen gepeitscht werden.

Eine jähe Steigung bremst auch sie. Von links tost der gebändigte Chliweidlibach herein; städtisch und geschniegelt nimmt er sich aus in all der Natur mit ihrer Erfindungen Pracht. Unser Bach aber wird zum munter sprudelnden Wald- und Wiesenwässerlein, das Tobel will enden. Als bedürfe es noch einer Bestätigung, steht plötzlich eine hohe Mauer vor uns, über die das Wasser wie ein Vorhang fällt. Die Vorstellung ist aus.

Und wir, was tun wir mit dem angefangenen Tag? — Wie können weiterwandern, stundenlang, vielleicht auf Albin Zollingers Spuren dem Pfannenstil zu und weiter ins Oberland hinauf, vielleicht zu den verführerisch blinkenden Seelein links hinunter oder später rechts ein anderes Tobel hinab wieder zu unserm See. Gut essen und trinken lässt sich's an vielen Orten.

Wir können auch umkehren, zurück durch's Küsnachter Tobel. Von einer Wiederholung kann keine Rede sein, es ist ein anderes Licht, eine andere Musik, eine andere Dramaturgie. Und es gibt viele Wege, lauter Lieblingswege. Von ihnen berichtet dieses Buch. Vor allem aber muss man sie selber finden.

Einer von ihnen wird der Ihrige sein.

Urs Frauchiger