Stäbe über Stäbe

Den Hirtenstab kann man wohl als einen Stabprototyp bezeichnen. Ohne «Stäcke» kann man kein Vieh hüten. Ein Hirt wandert von Futterplatz zu Futterplatz und Tränke, aber selbst am Futterplatz benötigt er jederzeit die Übersicht über die ihm anvertraute Herde. Dazu muss er stehen und als «drittes» Bein nimmt er den Stab und stützt sich darauf. Je nach lokalem Brauch lassen sich hier verschiedenste Hirtenstäbe alleine an ihrem Aussehen geographisch zuordnen.

Je nach Landschaftsform ergeben sich auch andere Stabformen. Im Gebirge kann der Hirt während des Weidens seines Viehs an einem etwas erhöhten Platz sitzen, um die grasenden Tiere im Auge zu behalten, daher reicht normalerweise ein kurzer, kräftiger Gebirgsstock. Im flachen Land muss der Hirt dauernd stehen und benötigt daher einen langen Stab, um sich stehend unter dem Kinn abzustützen. Im hohen Busch- und Grasland gingen einzelne Hirten teilweise dazu über, mit Stelzen und überlangen Hirtenstäben durch die Gegend zu wandern, um die Herde im Auge zu behalten und allfällige Raubtiere möglichst frühzeitig zu erspähen.
Die Krümmung des Stabes dient nicht nur dem besseren Haltegriff, sondern wird als «verlängerte Hand» zum Einhaken des hinteren Beines eines zu untersuchenden Tieres benutzt.

Die Spitze ist oft aus massivem geschmiedetem Eisen, oder man kann, wie bei den baskischen Hirtenstöcken, die Kappe abschrauben und eine kleine Lanze zur Abwehr von Wölfen kommt zum Vorschein.

Letztlich benötigt man den Stock aber immer um sich zu stützen und bei unsicherem Grund sicher Tritt zu fassen. Das gilt für den Hirtenstock genauso wie für den Kranken- oder Blindenstock, Gebirgs- und Skistock usw.


Zum Abschluss hier noch ein Ausspruch unseres letzten Küsnachter Komturs, Konrad Schmid (1476—1531), gegenüber dem vorwärts drängenden Kollegen Huldrich Zwingli bei einer Aussprache vor dem Zürcher Rat:
«Man sol je dem schwachen sinen stab / daran er sich hept / nit uss der hand ryssen / man gebe jm dann einen anderen / oder man fellet jn gar ze boden.»