Die Wulp

von Dr. Anna-Maria Deplazes-Häfliger

Annäherung an die Geschichte einer Burg

Burgruinen geben uns historische Rätsel auf, und immer schon reizte es die Menschen, sie zu lösen. In früheren Zeiten verliess man sich aufs Hörensagen und auf die Einbildungskraft, um die geheimnisvollen Trümmer im Rückblick zu beleben. Seit dem letzten Jahrhundert aber werden dazu die schriftlichen Quellen wissenschaftlich erforscht und archäologische Grabungen unternommen. Bisweilen sind solche Anstrengungen erfolgreich, und die Geschichte einer Burg und ihrer Bewohner kann über Jahrhunderte recht genau verfolgt werden. Manchmal aber erweist sich das Untersuchungsobjekt als äusserst widerborstig und gibt sein Geheimnis auch bei hartnäckigsten Bemühungen nie ganz preis. - So die Ruine WULP über dem Küsnachter Tobel.

Überlieferungsprobleme

Will sich der Historiker Klarheit über die Geschichte einer Burg verschaffen, sucht er zuerst nach zeitgenössischen, schriftlichen Quellen. Für die mittelalterliche Geschichte kommen dabei in erster Linie Urkunden in Frage, das heisst öffentliche, rechtsgültige Dokumente, die einen bestimmten Sachverhalt (z.B. einen Güterverkauf) oder ein Ereignis (z.B. einen Friedensschluss) eindeutig belegen. -Solche Dokumente existieren für die Burg WULP nicht mehr.

Eine zweite Quellengattung, die berücksichtigt werden muss, sind die Chroniken, alte Geschichtsbücher also, die der Nachwelt wichtige Ereignisse überliefern sollten. Im allgemeinen gilt, dass zeitgenössischen Berichten am ehesten Glauben geschenkt werden darf, während mit zunehmender zeitlicher Distanz der Aussagewert der Chronik über ein bestimmtes Ereignis abnimmt, weil die Erinnerungen ungenau werden und die Phantasie die Vergangenheit ausschmückt. - Die Burg WULP erscheint als Burg zu Küssnach uf dem tobel erstmals in einer 1466 verfassten Handschrift der sogenannten Zürcher Chronik. In der Schweizerchronik Heinrich Brennwalds aus den Jahren 1508-1516 wird sie Wulsch genannt, bei Johannes Stumpf heisst sie 1547 Wuolp oder Wuorp.

Die um 1230 verlassene Burg Wulp ist also erst rund 200 Jahre nach ihrem Niedergang erstmals schriftlich fassbar. Schliesslich stehen dem Historiker die Befunde der archäologischen Ausgrabungen zur Verfügung, sie sind die aussagekräftigsten Quellen zur Geschichte der Burg WULP. - Doch auch im archäologischen Bereich bleiben noch viele Fragen offen. Bei dieser dürftigen Quellenlage ist eine vorsichtige Annäherung an die Geschichte der Burg WULP geboten.

Zur Geschichte der WULP

Schon in prähistorischer und römischer Zeit lag der Burghügel in besiedeltem Gebiet, dies zeigen die Bodenfunde. Im Frühmittelalter diente möglicherweise der östliche Teil des Hügels als Fluchtburg für die Leute vom Küsnachter Berg und von Itschnach. Ueberreste von künstlichen Wällen und Gräben lassen darauf schliessen. Am Platze der späteren Burganlage sind aus frühmittelalterlicher Zeit ( 8. Jahrhundert) Gebäudefundamente erhalten.

Die vielschichtigen Funktionen der Burg im Hoch- und Spätmittelalter (als Herrschafts- und Verwaltungssitz, Wohnhaus, Wehrbau und Landwirtschaftsbetrieb) sind am Beispiel der WULP noch gut zu erschliessen.

Seit dem 10. Jahrhundert gehörte das Gebiet von Küsnacht zur Reichsvogtei Zürich, die im 11. und 12. Jahrhundert den Grafen von Lenzburg unterstand. Der Reichsvogt war Inhaber von Hoheitsrechten, vor allem der Gerichtsbarkeit. Die Hohe Gerichtsbarkeit über Leib und Leben betraf Kapitalverbrechen, die oft mit dem Tod bestraft wurden. Die niedere Gerichtsbarkeit befasste sich mit Dieb und Frevel, das heisst mit geringfügigen Vergehen, die Bussen nach sich zogen. Der Vogt hatte auch Schutzfunktionen für die Bevölkerung inne. Damit er seine Aufgaben erfüllen konnte, standen ihm Grundbesitz und Abgaben zu. Der Bereich der Reichsvogtei Zürich war in verschiedene Abschnitte aufgeteilt, die von Burgen als Herrschaftszentren aus verwaltet wurden. - Im Verlauf des frühen 11. Jahrhunderts entstand auf dem Wulphügel die erste Burganlage aus Stein. Höchst wahrscheinlich hatten die Grafen von Lenzburg einen Ministerialen (einen gräflichen Dienstmann resp. Beamten) mit Bau und Verwaltung der Burg beauftragt. Der Historiker Paul Kläui glaubte vor 30 Jahren in dem zwischen 1078 und 1098 erwähnten Eckehard v. Küssnacht (im heutigen Kanton Schwyz) den Erbauer der Wulp und den Namensgeber des Dorfes Küsnacht gefunden zu haben. Kläuis Hypothese ist aber zweifelhaft, da sie teilweise von einer falschen Voraussetzung (keine gallo-römische Besiedlung des Küsnachter Gebietes) ausgeht.

1173 erlosch das Grafenhaus der Lenzburger. Die Herzöge von Zähringen übernahmen als Erbe die Reichsvogtei Zürich. An ihrer Stelle nahmen im Gebiet von Küsnacht die Freiherren v. Regensberg die Hoheitsrechte wahr. Zielstrebig erweiterten die Regensberger Ende des 12. und im 13. Jahrhundert ihren Einflussbereich rund um Zürich und entwickelten eine rege Bautätigkeit (beispielsweise Gründung von Neu-Regensberg und Glanzenberg). - Auch die Burg WULP entwickelte sich in dieser Zeit zu einem respektablen Herrschaftssitz, der seinen Bewohnern einiges an Komfort zu bieten hatte, wie Kachelöfen an Stelle der ständig qualmenden Kaminfeuer in der Wohnstube. Die relativ luxuriöse Ausstattung der Burg, belegt durch archäologische Funde, lässt vermuten, dass nicht nur regensbergische Knechte, sondern die Freiherrn selber die Wulp bewohnten.

Nach der Mitte des 13. Jahrhunderts erlosch allmählich die Vorherrschaft der Regensberger in unserem Gebiet. Damit verlor offenbar auch die Wulp ihre Bedeutung als Verwaltungszentrum und wurde aufgegeben. Laut späterer chronikalischer Überlieferung soll sie 1267 in der sogenannten Regensberger Fehde gebrochen worden sein, doch widerspricht der archäologische Befund dieser Überlieferung, indem keinerlei Anzeichen einer gewaltsamen Zerstörung (Brandspuren) festgestellt werden konnten. Die regensbergischen Rechte und Güter gingen wohl um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert an die Familie Mülner, ein habsburgisches Ministerialengeschlecht aus Zürich über. 1384 wurde der Besitz an Zürich verkauft. - Der ehemalige Herrschaftssitz, die Burg WULP, wurde nicht mehr gebraucht und zerfiel im Laufe der Zeit.

Um 1850 waren, so berichtet der Historiker Zeller-Werdmüller, noch «ansehnliche Trümmer des 10 Meter im Geviert haltenden Turmes» zu sehen. Danach verschwand die Burg, bis ein Teil ihrer Ueberreste in den Ausgrabungen von 1920 bis 1923 wieder zum Vorschein gebracht und konserviert wurde. Weitere Grabungen erfolgten in den Jahren 1960-1961, 1978 sowie 1980-1982.