Auszug aus dem eidg. Tagsatzungsprotokoll
von Luzern vom 27. Januar 1525

Quelle:

Eidg. Abschiede StaZ Bb 381 Seite 569.
Ein Originalprotokoll liegt im Staatsarchiv Luzern.

Folgende Gesandte waren anwesend:


Bern Sebastian von Diessbach
Lucern Schultheiss (Hans) Hug;
Schultheiss (Jakob) von Hertenstein;
Schultheiss (Peter) Zukäs;
Jakob am Ort
Uri Ammann (Jakob) Troger. Schwyz.
Ammann (Gilg) Rychmuth; Vogt Reding. Obwalden.
Ammann (Niklaus) Halter.
Nidwalden -.
Zug Götschi Zhag
Glarus Ammann Tschudi.
Basel (Joder Brand).
Freiburg Lorenz Brandenburg
Solothurn Schultheiss (Peter) Hebolt
Schaffhausen -.
Appenzell Ammann Eisenhut.
III Bünde -.
Wallis Simon in Alben.
Abt St. Gallen Ludwig von Helmsdorf.
Stadt St. Gallen Seckelmeister Keller. — (Lucerner Exemplar).































Geschäfte

e1.Für das Hauptgeschäft, nämlich die Festsetzung «der Artikel» , wollen Basel, Schaffhausen und Appenzell, wie auch der Abt und die Stadt St. Gallen und die Bündner keine Vollmacht haben, jedoch heimbringen, was man ihnen in den Abschied gebe. Die neun Orte aber sammt Wallis haben darüber gerathschlagt und Artikel entworfen auf Verbesserung und Gefallen ihrer Herren; auch ist beschlossen, dieselben einstweilen geheim zu halten, bis die Eidgenossen darüber einig geworden.

2. Es soll nun jedes Ort die Artikel gründlich prüfen, seine besonderen Anliegen und Beschwerden schriftlich verfassen und seinen Boten auf den (deshalb anberaumten) Tag zu Luzern, am St. Apollonientag (9. Februar) genügende Vollmacht geben, um über die Artikel sich (bald) zu verständigen und viele Tagleistungen zu vermeiden. Auch Basel, Schaffhausen, Appenzell, sowie Abt und Stadt St. Gallen werden ersucht, ihre Boten mit Vollmacht auf jeden Tag zu senden, damit sie bei der Berathung und Schlussfassung mitwirken können.

3. Der Bote aus den Bünden erklärt, seine Herren haben sich gegen ihren Bischof bereits über einige Artikel vereinbart, bei denen sie verbleiben werden; zu etwas anderem habe er keine Gewalt.

Zu e. Artikel die auf Hintersichbringen von den Boten der neun Orte und von Wallis zu Lucern am Samstag den 28. Januar aufgesetzt worden sind.

I. Da es leider durch das Lehren und Schreiben der lutherischen und zwinglischen Prediger in der Eidgenossenschaft dazu gekommen, dass der alte wahre christliche Glaube in vielen Artikeln, namentlich (betreffend) die hl. Sacramente, die Verehrung der hochwürdigsten Jungfrau und der lieben Heiligen verachtet und verspottet werden, und die Ordnungen, Satzungen und Strafen der Kirche nichts mehr gelten; damit nun aber der Mensch (der ohnehin immer mehr zu Uebel und Sünde als zu Gutem geneigt ist) nicht so gar verwildert (verrucht) ohne Furcht und Strafenach seinem bösen Muthwillen lebe, und nicht ein Jeder sich einen Glauben nach seinem Kopf und Verstand schaffe (schöpf ), zumal diese Jrrungen in der Welt schon so weit um sich gegriffen, und der oberste geistliche Hirt der Kirche und die geistlichen Obrigkeiten in diesen Sorgen und Nöthen schweigen und schlafen, so haben die Eidgenossen für gut und nothwendig erachtet, dem vorzubauen, damit sie und alle die Jhrigen von solcherSecte und solchem Missglauben nicht vergiftet und verführt werden.

Darumhaben sie die nachfolgenden Artikel gesetzt und zu halten angenommen bisauf die Zeit, wo diese Zwietracht im Glauben durch das Mittel eines allgemeinen Conciliums oder durch andere genugsame christliche Versammlungen, an welchen ihre Botschaften auch Theil genommen, abgestellt, erläutert und die Einigkeit in der Kirche wieder hergestelltsein wird, sodass Jedermann weiss, woran er ist; dann wollen sie wieder thun, was guten Christen zusteht.

1. Es soll Jedermann, er sei geistlich oder weltlich, sich hüten, mit Worten oder Schriften zu reden oder zu disputiren wider die zwölf Stücke des christlichen Glaubens, wie sie (als) aus dem wahren Wort Gottes geschöpft von der Kirche angenommen und bisher gehalten worden.

2. Männiglich soll unterlassen, wider die hl. Sieben Sacramente, die von Christo und aus seinem Wort von der hl. christlichen Kirche eingesetzt sind, zu reden, zu schreiben oder irgendwie zu disputiren, sondern jeder Christenmensch sich befleissen, dieselben zu verehren («erwirdigen» ), zu glauben und zu halten ohne allen Zweifel, wie es die Kirche geordnet und bisher gehalten hat.

3. Es soll auch Niemand unterstehen und sich vorsetzen, die hl. Sacramente, besonders das Opfer der hl. Messe, anders zu brauchen und mitzutheilen, als wie die Kirche sie aufgesetzt und bisher gehalten.

4. Die hl. Sacramente sollen auch uns Laien mitgetheilt und gebraucht werden nach bisheriger Uebung der Kirche.

5. Es soll kein Laie das Sacrament des Altars empfangen ohne vorgehende Beichte und Absolution nach der Vorschrift der Kirche, noch dasselbe unter beiden Gestalten begehren oder nehmen wider die Ordnung der Kirche.

6. Man will jetzt auch in andern Ordnungen, Satzungen und Bräuchen der Kirche, als Fasten, Beten, Beichten, Busse thun, Singen und Lesen, Kreuzfahrten, Opfern und andern Ceremonien, keine Aenderung machen, sondern es soll damit gänzlich gehalten werden, wie es von den hl. Vätern und von den Vordern überliefert ist.

7. Weil auch der alte Brauch, in der Fasten und an andern Tagen weder Fleisch noch andere verbotene Speisen zu essen, aus guten vernünftigen, in der hl. Schrift begründeten Ursachen von den Vätern eingesetzt und nach jedes Landes Brauch löblich hergekommen ist, so will man das Aergerniss, das aus der Uebertretung dieser Satzungen entsteht, in unsern Städten, Landen und Gebieten nicht eindringen lassen, sondern sie halten wie von Alter her und die Uebertreter strafen nach jedes Ortes Gefallen, wie es früher zu Tagen verabschiedet worden.

8. Wir wollen auch nicht dulden, dass Jemand die heiligste Maria oder die Heiligen Gottes schmähe und entehre, sondern wie alle unsere Vordern und die christliche Kirche es immer gehalten «gütlich» glauben, dass unsere liebe Frau und andere liebe Heilige durch ihre Fürbitte bei Gott und Gutes thun («wol erschiessen» ) und Gnade erlangen können; wer dawider redete oder thäte, soll dafür strenge bestraft werden nach Erachten seiner Obrigkeit.

9. Es soll sich auch Niemand unterstehen («bildungen und figuren» ) unsers Herrn, unserer lieben Frau, des Crucifires und der Heiligen in den Kirchen, Capellen, Bildhäusern oder andern Orten zu schmähen, zu entfernen, zu zerbrechen oder sonst zu entehren, sondern man soll die Gotteshäuser, Kirchen und alle Zierden bleiben lassen, wie von Alter her.

10. Da überall viel Entzweigung und Widerwärtigkeit durch das Predigen der Prädicanten entstanden, so wird, damit solches nach Vermögen und mit Gottes Hülfe abgestellt und das Evangelium, das Gotteswort und die hl. Schrift in dem rechten Sinne, den die heiligen alten Lehrer in vielen berühmten und gründlichen Büchern hinterlassen, dem Volk allenthalben einhellig gepredigt werde, ernstlich verordnet, dass in unsern Städten, Aemtern, Gerichten und Gebieten Niemand das Gotteswort und die hl. Schrift lehren solle, der nicht von seinen geistlichen Ordinarien zuvor examinirt, als tauglich erfunden, durch glaubwürdiges Zeugniss dazu ermächtigt und von der weltlichen Obrigkeit des Ortes zugelassen worden; es sollen (also) keine Winkelprediger geduldet werden. Die Prädicanten sollen das Evangelium, das neue und alte Testament verkünden und lehren nach dem rechten wahren Verstand, wie es die alten Lehrer, welche die christliche Kirche angenommen, ohne Zweifel aus dem Geiste Gottes gethan, ohne allen «Geiz», und darin nichts Anderes suchen als der Seelen Heil und Besserung des Lebens, und sich dabei hüten vor «andern Stempfeneien» und Umständen, auch vor allen Lehren, die von der Kirche nicht zugelassen und der hl. Schrift nicht gleichförmig sind; namentlich soll ein Prädicant das Gotteswort und die hl. Schrift nicht nach seinem Verstande derart deuten («bucken» ), dass seine Lehre gegen die hl. Sacramente, die Ehre Gottes, die Jungfrau Maria, die lieben Heiligen und die christliche Kirche wäre, wie es jetzt leider an vielen Orten geschieht. Denn wo von einem Prediger bekannt würde, dass er solche verführerische Meinungen und den neuen Missglauben lehrte, soll er von seiner weltlichen Obrigkeit abgesetzt, vertrieben oder je nach Verschulden (härter) bestraft werden.

11. Da wegen des Fegfeuers und der Fürbitte für die Abgestorbenen, woran die Vordern und wir bisher geglaubt, was auch die heiligen Lehrer aus dem alten und neuen Testament genugsam erwiesen, die Concilien und die Kirche bestätigt und beobachtet haben, durch die lutherische und zwinglische Secte ohne Grund etwas Missglauben und Widerspruch erweckt worden, so wird Jedermann gewarnt, nicht so leichtfertig nach dem falschen unbegründeten Vorgeben der Lutherischen von dem wahren Glauben abzustehen; es soll auch niemand in unsern Gebieten dagegen reden oder schreiben; denn wer es thäte, soll bestraft werden.

12. Es soll Jedermann die Gotteshäuser, Klöster, Stiftungen und Kirchen bei ihren Freiheiten, Gerechtigkeiten und altem Herkommen bleiben lassen, keine Gewalt gegen sie brauchen, ihnen nichts vorenthalten ohne Recht; wer es thäte, ist von seiner Obrigkeit ernstlich zu bestrafen.

13. Wiewohl war sein mag, dass die hl. Väter und Lehrer, auch Päpste und Concilien in guter Meinung die geistlichen Rechte mit vielen Ordnungen und Satzungen gemacht haben, so sind doch jene geistlichen Rechte und Satzungen nach und nach vermehrt «gestrengert» und so überflüssig gehäuft und gegen die Laien missbraucht worden, dass es uns öfters zu grossem Nachtheil und Verderben gereicht, und dieselben anders gehandhabt werden, als es sein sollte. Und weil in dieser besorglichen Zeit, wo der Wolf in den Schafstall Christi einbricht und die Schafe zerstreut, der oberste Wächter und Hirt der Kirche schläft, so gebührt es uns, als der weltlichen Obrigkeit, uns selber etlichermassen Hülfe zu schaffen, damit wir und die Unsern wieder zur Einigkeit kommen, bei dem wahren Glauben bleiben und vieler Beschwerden sich entledigen; nicht dass man sich darum «gar» von der römischen, auch gemeinen christlichen Kirche abwerfen und (ihr) widersetzen wolle, sondern einzig zu Verhütung und Unterdrückung weiteres Unfalls und Ungehorsams, wie auch Zertrennung der Eidgenossenschaft. Desshalb hat man folgende Artikel aufgenommen, jedoch mit der obrigen Protestation und Erklärung, dass man sich dem Entscheid eines allgemeinen christlichen Conciliums oder einer andern Versammlung, welcher die Boten der Eidgenossen auch beigewohnt, unterziehen und von der Kirche nicht söndern werde.

14. Die Leutpriester und Seelsorger sollen sich nicht «uf den gyt» legen, wie vordem (so) vielfach geschehen, sondern die hl. Sacramente nach christlicher Ordnung mittheilen und von Geldes wegen nicht verweigern. Dabei waltet jedoch die Meinung, dass dem Pfarrer verabreicht werde, was ihm gemäss örtlichen Bräuchen und Rechten zugehört hat. Wenn aber der Leutpriester oder seine Helfer darin zu streng und unredlich handeln wollten, so soll die weltliche Obrigkeit nach Würdigung der Umstände darin entscheiden, damit der gemeine Mann nicht ausgebeutet («übernossen» ) werde.

15. Die Priester jedes Standes sollen sich ehrbar und wohl halten, den Stiftungen ihrer Pfründen sowie der Regel und Ordnung ihrer Gotteshäuser treulich nachkommen, sich alles laiischen Wandels und Wesens, (weltlicher) Kleidung und «anderer unehrbarer Wohnungen» enthalten, uns Laien ein gutes Beispiel geben und sich (überhaupt) dermassen benehmen, dass keine Klagen über sie laut werden, da man künftig an ihnen nicht mehr (so viel) ertragen will, wie man bisher gethan.

16. Es soll jeder Pfarrer in Todesnöthen bei seinen Untergebenen bleiben und sie nach christlicher Ordnung treulich versehen und trösten, bei Verlust seiner Pfründe.

17. Jeder Priester, er sei Pfarrer, Chorherr oder Caplan, soll seine Pfründe selbst «besitzen» und versehen und niemand mehr eine Absenz von den Pfründen nehmen noch geben. Wer aber seine Pfründe nicht verwalten will oder dazu nicht tauglich wäre, der soll sie niemandem übergeben als seinem Collator.Es soll auch keiner wegen «absenter» Pfründen heimliche Verträge mit Andern machen noch annehmen, bei Verlust seiner Pfründe. Wenn aber Einer, der noch zu jung ist, um Priester zu werden, eine Pfründe besitzt, so soll ihm die Nutzung von der Pfründe bewilligt werden, sofern er sie durch einen geschickten Priester versehen lässt. Wenn er alt genug geworden, aber nicht Priester werden will oder dazu nicht tauglich ist, so soll ihm die Pfründe genommen und einem andern, befähigten Priester geliehen werden.

18. Da sich jetzt etliche Priester unterstehen, eheliche Weiber zu haben, so soll denjenigen, die solche genommen, keine Pfründe mehr geliehen und das priesterliche Amt verboten werden. Dessgleichen soll, wenn ein Priester, der schon eine Pfründe hat, sich verehlicht, die Pfründe ihm weggenommen und das Priesteramt ihm entzogen werden, sodass er sich von seiner Arbeit ernähren muss, wie andere Laien.

19. Ordensleute, es seien Weibs- oder Mannspersonen, welche aus ihren Klöstern un dem Orden treten oder zur Ehe schreiten, sollen ihrer Pfründen und Gotteshäuser beraubt sein; doch bleibt jeder Obrigkeit vorbehalten, in solchen Sachen strenger zu handeln und den Schuldigen Gnade zu gewähren oder nicht.

20. Betreffend den geistlichen Gerichtszwang und den Bann ist verordnet, dass derzeit, wo niemand mehr darauf achtet, kein Geistlicher einen Weltlichen, oder ein Weltlicher einen Geistlichen, oder ein Laie einen andern vor geistliche Gerichte laden soll, weder um Geldschulden noch Schmähungen, oder Frevel, Zinse, Zehnten, Renten noch Gülten, überhaupt um keinerlei weltliche Dinge, mit alleiniger Ausnahme der Ehesachen und der Jrrungen und der Späne betreffend die hl. Sacramente, die Gotteshäuser und Kirchen, oder Jrrlehren und Unglauben, überhaupt alle Dinge, welche die Seele berühren; die sollen vor den geistlichen Richter gebracht, sonst aber in allen menschlichen Angelegenheiten geistliches Gericht und Bann gegen niemand gebraucht, sondern jeder (Beklagte) in den Gerichten gesucht und beurtheilt werden, wo er wohnt, wie es gemeiner Landesbrauch und theilweise (schon) in den Bünden festgesetzt ist. Werden nun Ehesachen oder andere geistliche Angelegenheiten an ein geistliches Gericht gebracht, so soll der Richter sie beförderlichst und und mit den geringsten Kosten zum Austrag bringen, damit die armen Leute nicht mehr herumgezogen und mit grossen Ausgaben beladen werden, wie es früher Brauch gewesen; wenn aber desshalb Klagen eingehen, die sich als begründet erweisen, so wird man auf weitere Mittel zur Abhülfe Bedacht nehmen. Vor dem geistlichen Richter und besonders dem Bischof zu Constanz sollen auch alle Händel deutsch vorgetragen und geschrieben werden, wie in andern Bisthümern bereits geschieht, damit «wir Laien» auch verstehen was da gehandelt wird.

21. Da zwischen dem Sonntag, wo man das Alleluja «niederlegt» (Septuagesima), und der Fastnacht, wo doch sonst Jedermann am meisten die weltlichen Freuden geniesst («pfligt» ), dem gemeinen Mann «etliche Hochzeiten» verboten sind, aber um Geld bewilligt werden, so ist das künftig auch ohne Geld zu gestatten.

22. Da wir und die Unsern mit mancherlei römischen Ablässen beschwert und um grosses Geld gebracht worden sind, so soll fürderhin in unsern Landen kein Ablass um Geld zugelassen werden.

23. Die Päpste und Bischöfe behalten sich die Absolution einiger Sünden vor; wenn aber solche Fälle eintreten, so will «man» das «Volk» nicht absolviren, es gebe denn viel Geld darum; auch in ehrbaren geziemenden Sachen wird ungeachtet der Noth keine Dispensation ertheilt, sie werde denn mit Geld ausgewirkt («usgewegen», ausgewogen?). Da iat unsere Meinung: Was mit Geld bei den Päpsten und Bischöfen erreicht werden kann, soll ohne Geld jeder Pfarrer den gemeinen Manne zukommen lassen, ohne Rücksicht auf päpstliche und bischöfliche Gewalt bis auf weitern Bescheid.

24. Der Curtisanen halb, welche die Pfründen anfallen, wird einfach verordnet: Es soll in Zukunft nirgends mehr gestattet werden, dass Einer des Andern Pfründe anfalle, und wenn solche «römische Buben» kämen, sollen sie gefangen und dermassen bestraft werden, dass man später vor ihnen sicher ist.

25. Wenn Jemand, Mann oder Weib, in Krankheit oder Todesnöten liegt, so soll keine geistliche Person weder Priester noch Mönch, Nonnen, den Kranken um ein Testament oder Schenkung seines Vermögens ansprechen ohne die Gegenwart der rechten Erben; will aber derselbe aus freiem Willen ein Vermächtniss errichten, so soll das geschehen vor drei laiischen Mannspersonen oder nach Brauch und Gewohnheit jedes Ortes, wobei jedermann sein Recht vorbehalten bleibt.

26. Wenn eine geweihte geistliche Person mit einer weltlichen, oder ein Laie mit einem Geistlichen Streit bekommt, so sollen beide Theile, wenn Friede geboten wird, denselben geben und nehmen nach allgemeinem Landesbrauch.

27. Da bisher die Priesterschaft sich zum Theil ungeschickt und unehrbar gehalten und böse Händel verübt, die bei Laien an Leib und Leben bestraft worden wären, die Uebelthäter aber von den Bischöfen als ihren ordentlichen Obern nur leicht bestraft und meistens (bald) wieder aus dem Gefängniss entlassen worden, und weil sich das Laster und der Uebermuth («frevelkeit» ) unter ihnen mehrt, und man die gegenwärtige Zwietracht und Unruhe hauptsächlich («gar nach» ) von ihnen hat, so wird beschlossen: Wenn ein Priester oder irgend eine andere geweihte Person Verbrechen begeht, durch die man das Leben verwirkt, so soll die weltliche Obrigkeit, in deren Gebiet der Uebelthäter ergriffen wird, denselben an Leib und Leben bestrafen wie einen Laien, ohne Rücksicht auf die Weibe.

28. Da durch die Druckerei und die lutherischen oder zwinglischen Schriften viel Unruhe und Unglauben bei den gemeinen Mann entstanden, so soll in unsern Städten und Gebieten niemand solche Schriften drucken oder feil bieten; werden solche Büchlein bei einem «Buchführer» (Händler, Hausirer) gefunden, so ist derselbe schwer zu bestrafen; wer solche Schriften feilhalten sieht und sie dem Krämer wegnimmt, zerreisst oder in den Koth wirft, soll damit nicht gefrevelt haben. Da bisher der gemeine Mann von geistlichen Prälaten und Gotteshäusern, auch von edeln und unedeln Gerichtsherren allenthalben der Leibeigenschaft wegen mit der Ungenossame, Fällen Lässen und andern Herrlichkeiten gar hart und streng bedrückt worden ist, so wird erkannt:

29. Betreffend den Lass ( das ist, wenn ein Leibeigener ohne Leibeserben stirbt, aber Schwestern oder Brüder hinterlässt, und sein «Halsherr» ohne Rücksicht auf diese rechten Erben zugreift und von der fahrenden Habe einen Theil nimmt, das die Hälfte, anderswo den dritten Theil, ): Es soll in Zukunft keiner mehr gegeben noch genommen werden. Ebenso wird abgekannt der ähnliche Brauch, der «antragende Hand», «Hagstolz» oder anders genannt wird, vermöge dessen der Halsherr den Leibeigenen, der ohne Leibenerben stirbt, in der fahrenden Habe, auf Kosten der Brüder oder Schwestern und anderer Blutsverwandten, ganz oder zur Hälfte, überhaupt ungleich beerbt.

30. Jn dem «Fall» sollen die Gotteshäuser und andere (Herren) die armen Leute, namentlich die Hausarmen, nach Möglichkeit schonen und gnädig behandeln. Denn wo ferner bezügliche Klagen zu Tagen kämen wie es vormals oft geschehen, so würde man weitere Mittel suchen, damit dem armen Mann geholfen und er dieser Beschwerde entledigt würde.

31. Der Ungenossame wegen (dass nämlich, wenn ein eigener Mensch ausserhalb der eigenen Leute seines Halsherrn ein Weib oder ein Mann nimmt, er dafür von dem Herrn gebüsst wird) soll niemand gestraft werden, weil die Ehe ein Sacrament ist, und Jeder darin frei sein soll.

32. Wenn ein Leibeigener von seinem Herrn sich loskaufen will, so soll ihm das für eine billige Gebühr vergönnt und nicht abgeschlagen werden. Wenn aber der Herr zu viel Lösegeld fordert, so soll die hohe Obrigkeit nach Billigkeit darin vermitteln und entscheiden.

33. Da wir Laien von den geistlichen Fürsten, Prälaten, Klöstern und Stiften und andern geistlichen Leuten seit langer Zeit empfindlich beschwert und bedrückt worden sind durch Ankauf liegender und (anderer) zeitlicher Güter zu ihren Handen, so wird verordnet, dass künftig geistliche Häuser und Personen keine liegende Güter kaufen sollen ohne Bewilligung der weltlichen Obrigkeit jedes Ortes.

34. Es sollen auch die Klöster, Stifte und andere geistliche Häuser, die in der Eidgenossenschaft liegen, Geld auf ewige und (un)ablösliche Zinse anlegen weder ausserhalb noch innerhalb der Eidgenossenschaft ohne Wissen und Willen der Obrigkeit, worin das betreffende Gotteshaus liegt.

35. Jedes Gotteshaus soll schuldig sein, jährlich der Obrigkeit, in deren Gebiet es liegt, Rechnung zu geben über Einnahmen, Ausgaben, Vermögen und «alle Handlungen».

36. Welcher Mensch, er sei gesund, krank oder im Todbett, um Gottes willen etwas an Stiftungen, Pfründen oder (sonst) zu geistlichen Handen, was man nicht eigentlich verwehren will, zu vermachen wünscht, soll ein solches Vermächtniss frei von der Hand geben und nichts auf seine liegenden Güter als ewige, nicht ablösbare Zinsen legen und die Güter irgendwie belasten. Das so vermachte Hauptgut soll dem weltlichen Pfleger des (beschenkten) Gotteshauses übergeben, um jährliche Gülten angelegt und bei jeder Ablösung wieder durch die weltlichen Vögte versorgt werden.

37. Niemand soll dem Andern das Seine mit Gewalt, ohne Recht vorenthalten, sondern Jeder dem Andern geben, bezahlen und halten, was er schuldig ist, es seien Zinse, Renten, Gülten, kleine und grosse Zehnten, Schulden und andere Gerechtigkeiten; es sollen auch Briefe, Siegel und Beschreibungen in Kräften bleiben und treu gehalten werden.

38. Schliesslich wird vorbehalten, dass jeder Ort und jede Obrigkeit, wenn sie oder jemand ihrem Gebiet von geistlichen Prälaten oder Gotteshäusern durch Missbräuche belästigt würde, darin billige Abhülfe schaffen möge; doch sollen solche Mittel den hier verschriebenen Artikeln keinen Eintrag thun.
Das Solothurner Archiv (Absch.Bd.XIII) hat zwei von der gleichen Hand geschriebene Exemplare, die aber sowohl unter sich als von der Berner Abschrift abweichen. Das erste trägt im Titel das Datum 28. Januar, das zweite lässt diesen Theil der Ueberschrift weg, fasst den transitorischen Schlussatz etwas allgemeiner und dürfte das Resultat einer spätern Berathung sein, (z.Th.mit Rücksicht auf einige Forderungen von Bern?).

4. (17). In Sol.II. anders: «Jtem als dann bishar ein grosser missbruch gewesen, dass etwa ein priester zwo oder mehr pfarren und seelsorgen gehebt und die durch ander versechen und verlihen und darvon absent genommen hat, desshalb die underthanen ganz schlechtlich versehen worden sind, sölichs wellen wir nit mer lyden (und) habent darum geordnet, dass fürhin kein priester mer dann ein pfarr und sellsorg haben soll, und soll ein jeder uf siner pfarr selb sitzen die versechen und keinem andern befelhen, und soll fürhin von keiner pfarr kein absent geben noch genommen werden. Dessglich soll ein jeder priester, so ein caplany hat, ouch selber uf der pfruond sitzen und die versehen, wie sin dotatz und stiftung uswyst, und soll von keiner caplany kein absent geben noch genommen werden . . .» (Heimliche Verträge untersagt). «Doch so haben wir hierin usgeschlossen, wo ein pfarrer oder anderer erlicher priester zuosampt siner pfarr und pfruond noch me pfruonden hette oder überkäme, es wärent torherrenpfruonden oder ander pfruonden in den stiften und gotteshüsern, da bishar der bruch und ir fryheit gewesen, dass si nit residieren und persönlich daruf sitzen müessent, lassen wir jetzmal nach, damit die wirdigen stiften und gottshüser ouch nit von iren fryheiten getrungen werden, hiemit einer jeden oberkeit ir hand offen behalten, darin ze handlen je nach gestalt der sachen». Das Uebrige gleich.

7. (20) Sol. II. hat nach ersten Lemma die folgende Bestimmung: «Namentlich ist unser meinung und ordnung, ob sich begäb in eesachen und andern händlen, dardurch wir leyen für geistlich gericht möchten erfordert und gewisen werden, söllent doch sölich händel weder für die bischoff noch ir amptlüt, commissarien old für den geistlichen richter nit kommen, sonder zuo voran an jedes weltliche oberkeit gebracht werden, und nachdem dann die weltlich oberkeit die händel und sachen findent, demnach soll die weltlich oberkeit nach gstalt der sach darin handlen, entscheid und erlütrung darum geben oder den handel, ob sy (das) notwendig bedunkt, für den geistlichen richter wysen». Dagegen fehlt der Satz, der rasche Erledigung der Processe und billige Taxen fordert.

l. (29). 2. (30) fehlen in Sol. II.

8. (36). Nach diesem Artikel hat Sol. II den völlig neuen Passus: «Jtem der ewigen zinsen halb, so mit barem geld erkouft und verschrybungen darum ufgericht und für ablösung gesetzt sind, ist ouch unser meinung dass man die ablösen mag, allweg mit xxv stucken ein stuck. Aber sunst grund und bodenzins und die eigenschaft und lehenschaft der güetern lassen wir in sinem rechten stan».

Nach 10 (38) folgen in Sol.II. noch zwei Abschnitte: (ll, resp.39). «Jtem wiewol die geistlichen bishar aller beschwerden und lästen ledig und entbrosten sind gewesen, und weltliche oberkeit mit dem bann erschreckt habent, dass sy weder stür, tell, reiskosten, zoll, gleit, ungelt und böspfennig, tagwan und ander beschwerden uf sy dörfent legen, so hat doch fölichs keinen grund in der h. göttlichen geschrift, sonder ist es es mersteils mit irem geistlichen erdichten rechten also in den einfaltigen christenmenschen gefüert und gebracht worden, dass man sy mit fölichen beschwerden nützit sölle beladen, dasshalb ist unser herren und obern will und meinung, dass alle priester, sy sigent weltlich oder ordenslüt, hinfür all beschwerden, damit der gemein mann einer weltlichen oberkeit christenlicher ordnung nach gehorsam sin soll, es sige mit stüren, tällen, reiskosten, zoll, gleit, umgelt, böspfennig, tagwan und sunder beschwerden tragen und uf sich nemen und damit weltlicher oberkeit gehorsam sin, und sich dess niemand widern, sonder sölichs alles in statt und land geschriben werden.

(12, resp. 40). Und zeletst wir Eidgenossen uns bevor, sölich artikel wie vor stand, ob sich in mittler zit das besser und wäger erfunde, die ze meren, ze mindern, ze ändern, je nachdem unserer Eidgenossenschaft sölichs gegen gott un der welt zuo verantwurten stat ouch loblich, nutzlich und eerlich sin mag.»

Das Freiburger Exemplar stimmt im Ganzen mit Sol.II., zeigt aber folgende Abweichungen:

Art. I. 10 hat auf einem aufgeklebten Streifen, der noch eine Zeile von dem oben benutzten Texte enthält, den Zusart: «Und welche priester oder gewicht personen vorhin zuogelassen syg (sind?) ze predigen, bedörfen darum nit wider ersuocht und eraminiert werden, doch damit vorbehalten einer jeden weltlichen oberkeit in unser Eidgnoschaft, dass in irem gewalt stan söll, sölich predicanten anzenemen und predigen ze lassen oder nit, wie sy dann guot und geschickt bedunkt; doch soll kein ley predigen, und kein winkelprediger gestattet, sonder mit ernst abgestellt und gestraft werden.»

II. 7 (20). Das nicht Gültige ist gestrichen und die Redaction von Sol. II. auf dem vorausgehenden Blatte nachgetragen.

III. 1 (29) und 2 (30) sind gestrichen, und dafür ein suspensiver Zusatz aufgenommen:

«Desshalb ist also beschlossen, dass wir Eidgnossen hernach zuo tagen rathschläg thuon und unser botschaften in die vogtyen schicken, darin ordnung und miltrung machen und insechung thuon, damit der gmein arm man nit also mit fäll und lassen beschwert und so hert gehalten, sonder dass darin ein gnad und ein mittel betroffen werden).

8 (36) ist theilweise gestrichen und corrigirt, übrigens sachlich gleich.

11 (39) und 12 (4O) stehen nach dem transitorischen Schlussatz. Das Ganze ist von gleicher Hand.

1525, 27. Januar. Die Freiburger Jnstruction pro 1. März enthält folgende Weisung: Und so jetz von nüwem ein artikel zuogethan ist, berüeren (d) die geistlichen (denen) kein fryheit ze lassen zuo stür, tell, tauwen und andren beschwerden,. . will min herren bebunken, dass sölichs gar wyt usshin möcht langen und villicht nit allenthalben beständig sin; dorum wo etwas milterung beschehen möcht, wär ir meinung, dass sölichs beschech; jedoch so hat der bott gewalt, mit dem meren teil ze handlen. Dessglichen möchten min herren wol lyden, dass den geistlichen das weltlich schwert nit wyter vergöndt wurd, dass si über das bluot richten lassen, sunders inen werd abkündt.»

Luzern 1525 — 10. Februar f.

(Freitag vor Valentini f.)

Folgende Gesandte waren anwesend:

Zürich -.
Bern Sebastian von Stein.
Lucern -.
Uri Ammann Troger.
Schwyz Ammann Rychmuth; Vogt-Reding.
Obwalden Ammann Halter.
Nidwalden -.
Zug Vogt Jten.
Glarus Ammann Tschudi.
Basel . . . Salzherr.
Freiburg (Lorenz) Brandenburg.
Solothurn -.






















Obschon St. Gallen früher ersucht worden ist, einem gewissen weltlichen Prädicanten, der in Trinkstuben und Tanzlauben gepredigt; solches zu verbieten, soll derselbe («lutherische Bub» ) doch neulich wieder in der St. Laurenzenkirche gepredigt haben, was die neun Orte sehr befremdet, weil die Stadt auf ihre Beschwerde mit freundlichen Worten geantwortet hatte. — Es wird daher nochmals das ernstliche Begehren an sie gestellt, die lutherischen Prädicanten, besonders aber jenen «laischen Buben oder Schulmeister» und andere Seinesgleichen abzustellen und dafür zu sorgen, dass nur geweihte Personen predigen; denn solchem Unwesen könnte man nicht länger zusehen.

Bei Verhörung der (Reformations=)Artikel haben alle Boten ihre Stimme abzugeben. Mit Bezug auf den Artikel, der bestimmt, dass ein Priester, der ein Weib nimmt, der Pfründe und seines priesterlichen Amtes entsetzt werden solle, will aber Bern sich nicht dazu verstehen, dass einem solchen die priesterlichen Functionen gänzlich untersagt werden. Da diese Erklärung (einige Orte) «hoch befremdet», so wird Bern dringend ersucht, diesen Artikel stehen zu lassen, wie er abgefasst ist; in den andern Artikeln hoffe man sich dann zu einigen.

Ueber den Artikel betreffend Aufhebung der Ungenossame (Ehefall) äussern sich einige Orte dahin, dass sie solches nicht nachlassen wollen. Heimzubringen, wie man diesen Artikel «halten» wolle. Endlich ist beschlossen, es solle jeder Bote auf den nächsten Tag hinreichende Vollmacht bringen, um sich über alle Artikel völlig zu verständigen, damit sie «aufgerichtet» (resp.verkündigt) werden können, und man dieser Sache endlich abkomme, und weitere Kosten und Tagleistungen erspart bleiben; namentlich ist noch festzusetzen, ob man sich darüber gegenseitig verschreiben wolle, «damit man habent daran wäre».