Die Zürcher Reformation

Die kirchlichen Neuerungen, die Zwingli, Schmid und andere Reformer in Zürich einführten, sind kurz gefasst die folgenden:

Die Predigt stützt sich allein auf die Urtexte des Neuen und des Alten Testaments. Die römisch-katholische Kirche hingegen verwendete fast ausschliesslich Überarbeitungen und Interpretationen der Kirchenväter. Zwingli glaubte, den reinen Urtext des Evangeliums zu verwenden, während auch er sich in Wirklichkeit auf eine Überarbeitung aus dem dritten Jahrhundert stützte. Damals waren die vier vollständigsten Evangelien (Frohe Botschaft von Jesus Christus) und einige weitere Texte zum Neuen Testament zusammengefasst und kanonisiert worden.

Christus ist der einzige, zentrale Mittler der Lehre und der Erlösungsbotschaft. Diese Sicht wandte sich gegen die überbordende Heiligenverehrung.

Das menschliche Leben schliesst die Sünde mit ein. Wenn Gott dies nicht gewollt hätte, hätte er uns nicht aus dem Paradies verstossen, oder er hätte das irdische Dasein so gestaltet, dass ein sündenfreies Leben möglich wäre. Generell sind wir erlöst durch den Opfertod Jesu am Kreuz. Die Absolution (= Erlass der Sünden) durch die Vertreter der Kirche ist daher als eine Irrlehre anzusehen.

Für die alte römisch-katholische Kirche hingegen ist das neugeborene Kind mit der Erbsünde belastet. Durch die Taufe wird es von der Sünde befreit. Die Verfehlungen, die der Mensch in seinem Leben begeht, werden durch die Absolution (Beichte, Krankensalbung) getilgt.

Das Abendmahl ist der sinnbildliche Nachvollzug jenes Mahles, das Christus mit seinen Aposteln vor seinem Tod gefeiert hat. Die katholische Kirche glaubt hingegen, dass Christus bei der Abendmahlsfeier «leiblich» zugegen ist, sowie an die Umwandlung von Wein und Brot in Leib und Blut Christi. Die Auslegung des Abendmahls führte auch im Lager der Reformer zu heftigen Auseinandersetzungen. Selbst Luther und Zwingli konnten sich in dieser Frage nicht einigen.

Der Gottesdienst wird in deutscher Sprache und nicht mehr in lateinischer Sprache gehalten. Die Messliturgie wird abgeschafft.

Die Liturgie (= Form des Gottesdienstes) soll möglichst schlicht sein. Sie beschränkt sich auf das Wesentliche: auf die Lesung des auszulegenden Bibeltextes, auf die Predigt, auf die Verlesung der kirchlichen, zuweilen auch der weltlichen Informationen und auf den Segen. Der Gesang erfolgt ohne Begleitung durch Musikinstrumente.

Die Kirchen sind von allem «sinnverwirrenden, ablenkenden» Beiwerk zu säubern. Heute bezeichnen wir diese Massnahme als Bildersturm. Es war aus heutiger Sicht ein Vandalenakt, der ganz im Sinne der städtischen Obrigkeit lag. Auf diese Weise gelangte fast der ganze Edelmetallschatz der Kirchen (Kelche, Kruzifixe, Monstranzen, Reliquienschreine) in die Hände der Stadtväter. Diese verkauften die Objekte an die katholischen Orte oder schmolzen sie selbst zu Münzmetall ein.

Das Ablasswesen (Erlass von Sündenstrafen im Jenseits): An der Stelle von einfachen Bussübungen traten gegen Ende des 15. Jahrhunderts immer häufiger Ablässe, die zunächst mit Gebet, später mit Geldgaben erworben werden konnten. Es entwickelte sich ein schwunghafter Handel, der die seltsamsten Formen annehmen konnte. So verkauften etwa herumziehende Händler vorgefertigte Ablässe für die täglichen Sünden, und Kirchenherren erteilten gegen klingende Münzen zum voraus Ablässe gegen Betrug und Mord. Dieser Missstand hatte ja bereits Luther im Oktober 1517 dazu bewogen, seine 95 Thesen gegen den Ablass an das Wittenberger Kirchenportal anzuschlagen.

Das Ansehen der Kirche war in den grossen Städten tief gesunken. Auf dem Lande hingegen bestanden oft enge Beziehungen zum bevölkerungsnahen Dorfpfarrer.

Die Veränderungen im Alltagsleben waren für das Volk wesentlich einschneidender als die kirchlichen Neuerungen. Der städtischen Obrigkeit von Zürich ging es bei den Neuerungen weniger um religiöse Ziele, als um handfeste Wirtschafts-, Rechts- und Machtfragen.

Dass es nicht die religiösen Ziele an sich sein konnten, liegt schon allein am Wissensstand der Ratsherren. Selbst wenn das notwendige Interesse vorhan-den gewesen wäre, bedingte es immer noch vertiefte Sprachkenntnisse in Latein und Griechisch sowie das Vorliegen und die Kenntnisnahme der einschlägigen Basisliteratur.

Stand bisher das kirchliche Recht über dem weltlichen Recht, so ging der Rat nun daran, weltliches Recht über das kirchliche zu stellen. Da weder der Bischof von Konstanz, noch das Kloster Einsiedeln, noch die Zürcher Chorherren entschieden gegen die Übergriffe der Stadt vorgingen, wuchs die Begehrlichkeit im Rat mehr und mehr an.

Wenn wir den Lebenslauf Huldrych Zwinglis vor dem Hintergrund der städtischen Bestrebungen sehen, ergibt sich folgendes Bild:

Suche nach einer geeigneten Führungsperson

1517/18 predigt Zwingli als Leutpriester in Einsiedeln bereits hart am Rand der herrschenden Glaubenslehre. Seine Vorbilder sind Erasmus und Luther, seine Denkweise ist die des Humanismus. Zürich erkennt in Zwingli den geeigneten Mann für seine Ziele.

Zwinglis Kraftprobe mit der herrschenden kirchlichen Lehre

1519 wird Zwingli als Leutpriester ans Grossmünster geholt. Er predigt für das Volk nur noch in Deutsch.

Zwingli duldet einen Verstoss gegen das Fastengebot, indem er während der Fastenzeit beim Wurstessen des Buchdruckers Froschauer anwesend ist. Zwingli disputiert mit Geistlichen, die aber mit ihren kümmerlichen Argumenten schwache Gegner sind.

Zwingli predigt gegen den kirchlichen Zehnten und die Leibeigenschaft. Da dies gegen die Interessen der Stadt verstösst, wird er vom Rat gemassregelt. Zwingli vertritt danach in der Öffentlichkeit mit aller Schärfe die Meinung des Rates.

Der religiöse Umbruch

Am 10. Oktober 1522 legt Zwingli öffentlich das Amt des kirchlich bezahlten Leutpriesters nieder und wird gleichentags vom Rat der Stadt Zürich als Leutpriester angestellt.

Dieser Schritt ist entscheidend, da mit ihm die zwei tragenden Säulen der europäischen Ordnung, nämlich die kirchliche und die weltliche Macht, zu einer einzigen zusammengefasst werden. Fortan wird in Zürich die Kirche dem Staat, d.h. der weltlichen Macht, unterstellt!

Es folgen die zwei Zürcher Disputationen, in denen die Reformer den Vertretern des alten Glaubens hoch überlegen sind. Ein Bischof bemerkt in seinen Eintragungen: «Eher findet sich eine weisse Krähe als derzeit ein rhetorisch und intellektuell versierter Geistlicher».

Der Rat der Stadt greift zu

Der Rat der Stadt lässt die kostbaren Gegenstände des Kirchenschatzes einziehen und den Rest zerstören. Im Bildersturm lässt er dem Pöbel freien Lauf.

Mit der Übergabe des Fraumünsters durch die btissin an den Rat erhält die Stadt die ältesten und wohl wichtigsten Rechtsansprüche im Raume Zürichs in die Hand. Danach kann der Rat getrost auch die anderen Klosterkonvente auflösen und ihre Güter und Rechtstitel übernehmen. Die Klostervorsteher werden durch weltliche Vögte ersetzt, die direkt dem Rat der Stadt Zürich unterstellt sind. Diese gehen in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten mit eiserner Strenge gegen die Lustbarkeiten und Festivitäten vor.

Bisher hatte fast ausschliesslich die Kirche Schulen geführt und sich für Arme, Kranke und Bettler mit einem etwas unkoordinierten, aber desto dichteren Sozialnetz gesorgt. Am 15. Januar 1525 beschliesst der Rat, dass diese Aufgaben in Zukunft nicht mehr von der Kirche getragen werden sollen.

Der Rat der Stadt setzt sich durch

Am 10. Mai 1525 wird die Ehegerichtsordnung veröffentlicht. Fortan ist nicht mehr der Bischof (von Konstanz), sondern ein Chorgericht (bestehend aus vier Ratsherren und zwei Geistlichen) für die Eheaufsicht zuständig. Die Ehe muss im jeweiligen Amtsbezirk angemeldet werden und wird weltlich vollzogen.

Die kirchliche Trauung wurde beibehalten, aber nicht mehr als Sakrament gefeiert; vielmehr wird die Ehe in einem Gottesdienst mit der Fürbitte der Gemeinde unter Gottes Segen gestellt.

Die neue Eheordnung bringt auch eine amtliche Registrierung. Bislang gab es neben dem kirchlichen Tauf- und Todesregister keine Einwohnerkontrolle. Die neue Regelung ermöglicht es dem Staat, Kopfsteuern einzuziehen und eine Personenkontrolle durchzusetzen. Vor allem die Landbevölkerung empfindet diese Bevormundung und Unterdrückung als lästig.

Neben vielen Erschwernissen hat die Neuerung natürlich auch ihre erfreulichen Seiten. So werden im Vorfeld der Disputationen vom Rat Volksbefragungen durchgeführt. Darin zeigt sich die anfängliche Unsicherheit des Rates, denn in späteren Jahrzehnten lässt die Stadt die Mitsprache der Landbevölkerung nicht mehr zu. Viele Sachfragen werden im Grossen Rat öffentlich besprochen und die Entscheide nicht mehr wie bis anhin im kleinsten Kreis gefällt. Gelegentlich werden auch Sachreferenten beigezogen.

Die Auflösung des kirchlichen Sozialnetzes macht die schrittweise Einführung einer sehr reduzierten, zentral geführten Armenfürsorge sowie den Aufbau eines Spital- und Schulwesens nötig.

Sittenmandat

Um 1530 wird das Grosse Sittenmandat veröffentlicht und durchgesetzt. Die bereits reduzierten kirchlichen Festtage werden abgeschafft, an Sonntagen herrscht kontrollierte Kirchgangspflicht. Die emanzipierte Stadtfrau wird an den häuslichen Herd verwiesen und darf Kinder aufziehen. Ihre Kleider haben, wie die ihres Ehegatten, sittsam grau oder schwarz und bis oben zuge-knöpft zu sein. Ihre Haare sind unter einer gestärkten Haube zu verstecken.

Die Sitten sind streng, so streng, dass allein in den kommenden Jahrzehnten 76 Personen wegen gotteslästerlichen Fluchens enthauptet werden, von anderen Bestrafungen ganz abgesehen.

Die anfängliche Begeisterung weicht zuerst auf dem Lande, dann auch in der Stadt der Enttäuschung und Verbitterung. Auf den Tod von Huldrych Zwingli, dem Aushängeschild der Zürcher Reformation, folgt keine Erleichterung. Sein Nachfolger Heinrich Bullinger schlägt im Einvernehmen mit dem Rat eher eine härtere Gangart ein. Und dies trotz oder vielleicht gerade wegen der erschwerten Bedingungen, die die kriegerische Niederlage der Reformierten bei Kappel und am Gubel auslöst hat.