Die Kirche vor der Reformation

Die Kirche war um 1500 von Dekadenz, Macht- und Geldgier geprägt. Zwischen dem gepredigten Wort und dem vorgelebten Beispiel öffnete sich eine ungeheure Kluft. Wer die Missstände offen anklagte oder Reformen vorschlug, wurde exkommuniziert (= aus der Kirche ausgeschlossen) oder gar auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Innerkirchliche Reformbestrebungen kamen nicht zum Tragen.

Die Probleme der Kirche lagen auf verschiedenen Ebenen:

In der Kirchenführung:

Das Leben der Geistlichen war verweltlicht. Hohe Kirchenämter wie das des Bischofs oder des Vorstehers eines vornehmen Klosters wurden nur an Adlige vergeben. Auf diese Weise kamen Personen mit zweifelhaftem Lebenswandel und geringem Bildungsstand zu hohen kirchlichen Würden. Viele Klosterkonvente hatten keinen Nachwuchs mehr. Das Kloster Einsiedeln etwa zählte zur Zeit Zwinglis nur noch drei geweihte Konventsbrüder, und im vornehmen Fraumünsterstift in Zürich sass noch eine einzige Nonne, nämlich die Äbtissin selbst.

In der Betreuung der Pfarreien:

Geweihte Priester konnten die Einkünfte von mehreren Pfarreien gleichzeitig beziehen. Die Pfarreiarbeit selbst überliessen sie schlecht bezahlten, mangelhaft ausgebildeten Vikaren. Ein Beispiel mag die Zustände beleuchten: Als Zwingli bei der zweiten Zürcher Disputation verlangte, dass sich die kirchliche Lehre nur auf die Bibel stützen dürfe, entgegnete ihm ein Geistlicher aus Schlieren, er müsste zuerst eine Bibel besitzen. Zwingli selbst hatte in seiner Glarner Zeit verschiedene einträgliche Pfarreiämter inne, die er an Vikare weitergab.

Im Zölibat:

Sowohl die niederen wie die hohen Geistlichen unterhielten zu Konkubinen und Mätressen Beziehungen, aus denen Kinder hervorgingen. Umsonst versuchte die Obrigkeit, mit Bussgeldern Ordnung zu schaffen. Diese sog. Dispensgebühren, die solches Tun kurzfristig duldeten, entwickelten sich zu einer Sondersteuer, die den Erlass der Sünde gleich miteinschloss.

Im Papsttum:

Die rasch wechselnden Päpste waren eher Politiker als von Gott auserwählte geistliche Führer. Zur Zeit Zwinglis verteilte der Walliser Kardinal und Bischof Matthäus Schiner grosszügig Unterstützungsgelder (= Pensionen) an Leute, die für die Interessen des Papstes eintraten. Auch Zwingli bezog zwischen 1517 und 1522 namhafte Pensionen aus Rom.

Im Ablasswesen

(Erlass von Sündenstrafen im Jenseits)

An die Stelle von Bussübungen traten gegen Ende des 15. Jahrhunderts immer häufiger Ablässe, die zunächst in Gebeten, später in Geldgaben bestanden. Bald entwickelte sich damit ein schwungvoller Handel. Herumziehende Geistliche verkauften wie Strassenhändler Ablässe für die täglichen Sünden, und Kirchherren erteilten gegen klingende Münze im voraus Ablässe für Betrug und Mord.

Das Ansehen der Kirche war in den grossen Städten tief gesunken. Auf dem Lande hingegen bestanden oft enge Beziehungen zum bevölkerungsnahen Dorfpfarrer.