Das Haar —
die Frisur im Verlauf der letzten 100 Jahre

Wie nebenstehend aufgeführt lässt sich das Thema von der Seite der technischen Entwicklung wie auch des Erscheinungsbildes präsentieren. Allerdings stellt sich dabei die Frage, ob man dem Phänomen nicht noch aus weiteren Blickwinkeln nachforschen müsste.

Während den Vorbereitung zu dieser Ausstellung wurden mir von Frauen verschiedentlich ihre Jugendzöpfe angeboten. Bisher lagen sie sorgsam behütet in irgend einem Schächtelchen zuhinterst im Schrank.

Dasselbe galt auch für die ersten Babylocken aus der Familie, die ebenfalls sorgfältig aufbewahrt werden.

Andere Personen wiederum erzählten von «Grossvaters» Uhrenband. Dies bestand z.B. aus Haaren seiner früh verstorbenen Frau, wundervoll geflochten und mit Goldschmiedearbeit gefasst.

Diese wenigen Beispiele mögen daran erinnern, dass wir keineswegs bis ins alte Testament, zu Samson, zurückgreifen müssen, um die Mystik des Haares zu verdeutlichen.

Vom Barbier von Sevilla von Rossini, über Bilder wie «Die Zopf-Flechterin» von Angelica Kauffmann, Mythen wie, dem Kämmen der langen Haare der Lorelei, bis hin zur Literatur, wie Emil und die Detektive mit der Szene im Friseursalon von Erich Kästner, lässt sich dutzendweise, das Thema Haar im Kulturbereich finden.

Kehren wir zurück zu den Frisuren unserer Grosseltern und schlagen dann den Bogen bis in die heutige Zeit. Ist es alleine Modetorheit oder liegen vielmehr verschiedenste Beweggründe für die Veränderungen unserer Haartracht vor?

Zum einen sind die total veränderten Hygiene-Vorstellungen bestimmend: War Anfang des Jahrhunderts das Monatsbad üblich, ist heute das tägliche Duschen normal. Wir lächeln über den überall versprühten Veilchenduft unserer Vorväter, vergessen dabei aber unsere nach «Freiheit»duftenden Anti-Transpirants usw.

Dieser Hygienekult fusst mehrheitlich auf den negativen Epidemie-Erfahrungen der vergangenen zwei Weltkriege, seien das Militäreinheiten, Fabrik-Arbeitsschichten oder Jugendbewegungen. Überall wo viele Menschen zusammenkamen, breiteten sich über kurz oder lang epidemische Krankheiten aus (z.B. Läuseplagen). Die Menschen mussten daher zwangsweise zur Reinhaltung von Gebäuden, Kleidern, Körper und Haaren erzogen werden.
Daraus resultierte für den Mann der Preussische-, spätere der Armykurzhaarschnitt und der «Rekrutenschnitt».

Für die Frau, konnte man nicht derart radikale Lösungen propagieren. Im Trend der 30er Jahre wurden aber erstmals Frauenbilder für die Allgemeinheit definiert. Dies beschränkte sich keineswegs auf deutsche Vorgaben; ein Blick in ein «Landi»-Heft (Landi = Landesausstellung 1939 in Zürich) zeigt uns schweizerische Vorbilder.

Die damaligen Vorgaben von gewelltem Kurzhaar bis zu mittellangen Frisuren bildeten ein Einheitslook. Es wurde auch in dieser Hinsicht auf Uniformität hingewirkt.

Mit der Nachkriegszeit kam auch die «Befreiung», d.h. in unserem Fall wurden verschiedene Frisurenmodelle möglich. Modevorbilder aus Showbusiness und Technik «die Rollergeneration» führte zur Vielfalt.

Damit wechseln wir in die Zeit der Vorbilder: Königin Elisabeth II, Mutter der «Trapp Familie», Jackie Kennedy, Farah Diba oder Mireille Mathieu - diese «emanzipierten Frauen» waren nebst den Modevorgaben Favoriten, denen es nachzueifern galt.

Die scheinbar heile Konsumwelt bricht mit der Jugendbewegung der 60er-Jahre zusammen. Die nachfolgende Abspaltung der «ungepflegten» Jugendbewegung, (im besten Falle noch Hennarot, ) führt zu einem gegenpoligen Pendelausschlag.

Die Modevorbilder überbieten sich mit Haar-Styling, andererseits ergibt sich durch die revolutionäre Schnitttechnik von Vidal Sassoon ebenfalls ein Bruch in der herkömmlichen Frisurengestaltung. Generell bleibt aber die Damenfrisur auf verschiedene definierte Modeköpfe als Vorgaben beschränkt.


Mit der einfacheren Handhabung von Heimprodukten, den vielen Colorations-Möglichkeiten und Stylingsprodukten findet eine zunehmende Individualisierung, analog der Gesellschaft, statt. Die Modevorgaben werben explizit für Variantenreichtum des jeweiligen Schnittes, der Formung und Farbe.

Die scheinbar naturbelassenen Köpfe der 90er-Jahre verbergen oftmals eine ebenso sorgfältiges wie langwieriges Stylingprozedere wie die Kunstköpfe der 60er-Jahre.

Abschliessend sei folgende Frage angetippt: Will denn allein die einzelne Frau diese Haarmode und die damit verbundenen Prozeduren, liegt es wirklich nur am ewig sündigen Weib, das die arme Männlichkeit damit verführen will - oder gibt es noch andere Beweggründe?

Die sog. Emanzipation beinhaltet oft nicht viel mehr als die Einbindung und Nutzung der weiblichen Arbeitskraft in wirtschaftliche Produktionsabläufe und die Frau als Konsumentin wird mit gesellschaftlichen Zwangsvorgaben belastet. Oder können Sie sich eine Managerin in einer Schürze und mit hochgebundenen Zöpfen vorstellen?

Was in angelsächsischen Ländern durchaus üblich ist, nämlich mit Haarwicklern zum Einkaufen zu gehen, ist hier schlicht undenkbar. Ohne «anständig» frisiert zu sein geht man nicht aus dem Haus.

Zur neuen Geschäftsposition der Frau kommt stets noch die eines allfälligen Partners. Welcher Mann zeigt sich nicht gerne mit einer hübschen Frau? Vielleicht fühlt er sich auch verpflichtet, «standesgemäss» zu zweit in Erscheinung zu treten.

Oder er sagt ganz profan zu seiner Partnerin, Herr und Frau XY lassen dich grüssen, sie hat übrigens ganz toll ausgesehen!

Die Gedanken sind frei - zur Haarmode natürlich.