Haarschmuck

Haarschmuck? Ja, warum denn? Das Haar so glänzend wie Seide – so lang wie bei Rapunzel im Märchen – wofür braucht man dann noch einen Haarschmuck?

Ganz so einfach war die Sache nicht, zum einen musste zuerst ein gewisser Hans Schwarzkopf, Drogist in Berlin, 1903 das «Shampoon» erfinden. Aus diesem ersten Haarwaschmittel entwickelten sich die synthetischen Shampoos, die auch den lästigen Grau-/Kalkschleier aus dem frisch gewaschenen Haar entfernten.
Dann musste der elektrische Haar-Fön seine Siegestour antreten, also eine weite Verbreitung erfahren, und das war erst nach 1945 der Fall.
Denn lange, nasse Haare führen oft zu Erkältungen und steifem Nacken, wenn man diese nicht in kurzer Zeit trocknen kann. Daher ist periodisches Haarwaschen eine Errungenschaft der modernen Zivilisation.

Es mussten Hilfsmittel her, um das – mit unseren heutigen Augen gesehen – eher unappetitliche, fettige lange Frauenhaar, das bis 1910 nicht geschnitten wurde, zu bändigen.
Einerseits wurden die Haare mit der Brennschere in Wellen und Locken gebrannt. Andererseits musste man alle noch losen Haarbüschel, gekonnt mit Kämmen und Spangen feststecken.

Jede Frau verbrauchte Dutzende, um nicht zu sagen Hunderte von Haarspangen in ihrem Leben.

Bei Haarschmuck und Schmuckkämmen handelte es sich zuallererst um notwendige Fixierungsmittel und erst im Weiteren um den wünschenswerten Schmuck.

Daher findet sich oftmals eine Vielzahl von Kämmchen und Kämmen, die assortiert zu einem einzigen grösseren Schmuckkamm passen. Das Haar wurde mit diesem Kamm geschmückt, die Frisur aber mit vielen Kämmchen zusammengehalten.

Der eigentliche «Niedergang» kam mit dem Aufkommen des kurz geschnittenen so genannten Bubikopfs der 20er Jahre und später mit der haubengetrockneten Wasserwellenfrisur.
Von nun an wurde Haarfestiger aus Quittengelée verwendet bis zum Aufkommen des Haarlacks aus verdünntem Zaponlack und nach 1955 des teuren Haarsprays. Damit waren die Kämme und Kämmchen als «Stützhilfe» überflüssig geworden.

Eine oft verwechselte Spezialität bilden die langen, grossen Hutnadeln der Jahrhundertwende um 1900. Der Hut wurde auf die bereits aufgetürmte Langhaarfrisur aufgesetzt und mit Metallhutnadeln kreuz und quer durch Hut und Frisur stossend fixiert.

Haarkämme gibt es seit Jahrtausenden, je nach kulturellem Hintergrund und natürlichem Umfeld wurde so mancherlei als Rohprodukt verwendet.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung wandelte sich auch das Berufsbild des «Strählmachers» grundlegend.

Bisher mühsam von Hand gesägte Zahnungen wurden nun mit mechanisch angetriebenen Fräsen gleich zu Dutzenden aus einem Rohling geschnitten.
Die bislang verwendeten Materialien Buchsholz, Kuhhorn, Metall und Elfenbein bekamen durch neue, billigere und besser zu verarbeitende Werkstoffe Konkurrenz.
Zusätzlich nutzte man die neuen Möglichkeiten des globalen Handels und des Transportwesens. Das Kuhhorn wurde durch gleichmässiger gewachsenes südamerikanisches Büffelhorn ersetzt. Das fantastisch aussehende, leicht durchscheinende, aber marmorierte Material des Panzers der Karettschildkröte beflügelte eine ganze Industrie.
Der Schildpatt-Kamm war eines der ersten erstrebenswerten Massenprodukte des frühen Industriezeitalters.

Die Industrie brachte aber auch erste künstliche Werkstoffe auf den Markt, zum Beispiel das Zelluloid. Der mehrheitlich aus Nitro-Zellulose und Kampfer hergestellte Werkstoff war je nach Einfärbung leicht opak und konnte dem Schildpatt täuschend ähnlich nachgestaltet werden. Allerdings hatte er einen gewaltigen Nachteil: Zelluloid ist extrem feuergefährlich. Dies führte zu verheerenden Brandkatastrophen, wie der Brand im September 1915 der Kamm-Fabrik Mümliswil im Kanton Solothurn, mit über 32 Toten und viele Opfer mit schweren Verbrennungen.
Übrigens war diese Katastrophe der endgültige Anstoss, das schon lange hängige Fabrikgesetz, den Vorläufer des Arbeitsrechtes, gegen den Willen der Fabrikanten durchzusetzen.

Natürlich gab es auch Kämme aus Bakelit, aber da dieser Kunststoff gelblichweiss und undurchsichtig ist, war er nur sehr bedingt als modisches Accessoire der wilden 20er Jahre brauchbar.