Gesellschaft und Aussehen —
gestern und heute

Dabei denkt man zuerst an Mode, aber die kurzlebigen Modetrends greifen hier zu kurz. Blickt man auf die gezeigte «Kopfparade», also über einen Zeitraum von rund 100 Jahren, lassen sich sehr wohl Modetrends ableiten, gleichzeitig aber auch gesellschaftlicher Wandel.


Steigen wir mitten hinein, zur Nachkriegs-Generation ab 1945. Hier lässt sich bei Mode und Frisur doch ein gewisses Selbstbewusstsein, aber auch ein wachsender Wohlstand und ein neuer Umgang mit Freizeit ablesen. Ein wöchentlicher Coiffeurbesuch für Waschen und Legen sowie alle acht bis zehn Wochen Dauerwellen brauchten Zeit und Geld.
Bei den Jugendlichen ist es die Zeit der «Halbstarken», der männlichen Schmalzlocken à la Elvis Presley, und die Zeit der hochtoupierten, mit viel Lack verfestigten Damenfrisuren sowie des mädchenhaften Pferdeschwanzes.

Für diese inzwischen ältere Generation ergibt sich heute ein noch nie da gewesenes Generationenverhältnis. Teilweise schon im Ruhestand, sind die Eltern oft noch am Leben und zum Teil unglaublich fit.
Diese Generation befindet sich in einem Dilemma: Sollen sie nun als «alt» gelten oder dem «Jugendwahn» nacheifern? Eine Zwischenphase kennt unsere Gesellschaft und auch die Mode bislang nicht.


Dann kommen die wilden 68er und kurz danach die Hippies, eine neue Generation, mit vielerlei hochfliegenden Ideen und noch mehr Utopien.
Junge Männer lassen sich die Haare wachsen, und kaum ein Jahrzehnt danach sind die gepflegten Pilzköpfe der Beatles zu verwilderten Hippielooks gewandelt. Bei den jungen Frauen kommt oftmals eine «uniforme» rötliche Hennapackung dazu. Nicht zu vergessen die im Gegensatz stehenden, überangepasst gestylten «Popper».
Mit den Hippies kommt die Öffnung für Ethno-Einflüsse: Nicht nur die indischen Gurus, sondern auch die dauergewellte afrikanische «Negerkrause», der Afro-Look, machten Furore. Wenig später präsentierte sich Bo Derek mit Rastazöpfchen den Objektiven der Filmkameras und der Presse.

Die einstmals wilde 68er und 70er Generation zeichnet sich heute durch eine etwas krampfhafte Verteidigung des Erreichten sowie einen gewissen Geltungsdrang aus. Gut gepflegt und der «Jugend» angepasst, steht man vor der Situation, dass einen die heutige junge Generation, notabene ohne Protest, links und rechts überholt.

Wieder ein Schnitt: die Verweigerungsgeneration der 80er/90er Jahre. Die Utopien sind verflogen, die Ideen zerschellt. Noch höher fliegende Pläne als die der vorangegangenen Generation können anscheinend nicht erdacht werden, aber «anders» muss es sein, «no, fuck», man grenzt sich selber aus.
Die Punks, Skins stellen sich in den krassen Gegensatz zum Dagewesenen.

Trotzdem braucht der Markt auch die jüngeren Arbeitskräfte. Die emanzipierten Frauen spielen zwischen mädchenhaft, maskulin und androgyn (beidergeschlechtlich – Mann/Weib). Dies wird alsbald von der Mode unter dem Titel UNISEX übernommen.

Für die 80er/90er Generation ist es heute nach wie vor ein ambivalentes Zurückziehen sowie umgekehrt das beinahe bewusste Suchen von Schlechtem an dieser heutigen Gesellschaft und an der Jugend.

Die junge Generation von heute denkt anders, sie kennt den Computer seit dem Kinderzimmer. Sich vernetzen, weltweit recherchieren, sich immer wieder Neuem anpassen, ist selbstverständlich. Am Beispiel ihrer Eltern und ihnen bekannten Erwachsenen haben sie gesehen und erlebt, dass nichts Bestand hat, weder Arbeitsplatz noch Ehe. Alles ist im Wandel. Die einzige Konstante sind SIE – und ihr Körper.
Dies spiegelt sich im intensiven Bemühen wieder, Neues aufzunehmen und gekonnt und persönlich umzusetzen.
Die Gesellschaft, und vor allem die junge Generation, atomisiert sich nicht wie vorhergesagt. Sie treibt nicht strukturlos auseinander, sondern benutzt andere, wandelbare Bezugsraster.

Der Kontext zu Haar und Körper lässt sich heute erst ansatzweise interpretieren – rückblickend wird es dann einfacher. Sicher ist es ein bewussteres Körpergefühl und ein aus der Sicht der älteren Generationen freier, aber durchaus gezielter Umgang damit. Man arbeitet an seinem Körper oder lässt arbeiten, ändern oder anbringen. Die Möglichkeiten bestehen. Warum sollte man sie nicht nutzen?